Die Erika-Mann-Grundschule im Berliner Stadtteil Wedding gehört zu den ungewöhnlichsten Bildungseinrichtungen der Welt. Tatsächlich geschieht hinter den Mauern dieser auf den ersten Blick traditionellen Grundschule jeden Tag etwas Besonderes. Es gibt keine Schulglocke, die die Kinder zum Unterricht ruft; stattdessen gibt es herzlichen Applaus, der in dieser Welt der Emotionen, Texte und Rollen angebracht ist. Seit 2004 hat die Bildungseinrichtung die Vorstellung von Schulbildung revolutioniert und gehört zu den zehn besten Bildungseinrichtungen Deutschlands.Mehr dazu auf berlin1.one.
Hier lernt man, man selbst zu sein

Die Erika-Mann-Grundschule wurde bereits im 20. Jahrhundert eröffnet, unterschied sich damals aber nicht von anderen Bildungseinrichtungen der Hauptstadt. Ihr neues Gesicht begann sie erst 2004 zu formen. Benannt nach der deutschen Schauspielerin, Schriftstellerin und aktiven Nazigegnerin Erika Mann, scheint die Schule ihren Geist des Widerstands übernommen zu haben – jedoch nicht eines politischen, sondern eines kulturellen. Es ging um den Widerstand gegen die Alltäglichkeit, Hoffnungslosigkeit und Routine, die in den Mauern der Bildungseinrichtung herrschten. Interessanterweise gibt es in Berlin auch eine Erika-Mann-Straße, doch die meisten Stadtbewohner erinnern sich an diese Persönlichkeit im Zusammenhang mit dieser einzigartigen Schule.
Die Initiatorin der Veränderungen war die Schulleiterin Susanne Kreitmeyer. Anstelle von Standardreformen wählte sie den Weg der Kreativität und begann mit der Zusammenarbeit. Regisseure, Künstler und Sozialpädagogen schlossen sich der Arbeit an. Ihr Ziel war ehrgeizig – die Schule in einen Raum der Inspiration und der Möglichkeiten zur Selbstentfaltung zu verwandeln. Dies war nicht nur ein Bildungsprojekt, sondern eine eigenständige Kulturinitiative. Von der Bühne erklangen die Stimmen der Kinder, Ideen wurden in Dekorationen, Aufführungen und gemeinsamen kreativen Prozessen zum Leben erweckt. Die Schule verwandelte sich allmählich in einen Ort, an dem das Lernen sehr interessant ist.
Wo Träume Kulissen haben

Die Einrichtung ist auch deshalb einzigartig, weil ihr Projekt von den Schülern selbst entworfen und von Studenten des Architekturstudios „Baupiloten“ umgesetzt wurde. Die Schüler erzählten, wie sie sich ihre ideale Schule vorstellten, und die Architekten hörten aufmerksam zu. Gemeinsam schufen sie dann ein eigenes Lernuniversum und nannten es die „Welt des silbernen Drachen“, die sich als fantasievoll, glänzend und wandelbar erwies, genau wie die Kinder selbst. In dieser neuen Schulwelt verschwanden die Standardklassenräume und Schreibtische; sie wurden durch gemütliche Ecken und kaskadenartige Flächen ersetzt, auf denen man lernen, spielen, mit einem Buch liegen oder einfach nur träumen kann. Alles in verschiedenen Formen, Größen und Texturen. Helle Stoffe, weicher Schaumstoff, angenehm anzufassende Oberflächen – der Raum wurde taktil und lebendig.
Die ganze Schule ist in fünf besondere Zonen unterteilt: „Liegeflächen“, „Höhlen“, „Bauten“, „Podeste“ und „Tische mit Klappbänken“. Jedes Kind kann den Ort wählen, an dem es sich in einem bestimmten Moment wohlfühlt; die gewählte Haltung ist keine Frage der Disziplin, sondern der Freiheit. Außerdem schufen die Schüler zusammen mit den Architekten ein einzigartiges System von Lichtreflektoren, die das Tageslicht im gesamten Gebäude verteilen und es noch wärmer und einladender machen. Im Ruhebereich sind die Podeste von hölzernen „Blütenblättern“ umgeben, die die Kinder nach Belieben verschieben können. So verändert sich der Raum ständig je nach Stimmung und Bedürfnissen der Schüler.
Der silberne Drache der einzigartigen Schule
Im zweiten Stock befindet sich einer der Lieblingsbereiche der Schüler – der „Schatz des Drachen“. Dort sind die Wände mit Magneten bedeckt, an denen die Kinder Fragmente eines bunten Mosaiks anbringen. Jeden Tag entsteht in diesem Raum ein neues Bild – fantasievoll, fröhlich und ganz anders als das vorherige. Der Raum hier lebt, atmet mit den Kindern, passt sich der Stimmung und den Fantasien jedes Einzelnen an.
Ein Stockwerk höher befindet sich die Galerie „Kaleidoskop“, deren Wände mit Spiegeln verziert sind, die die Farben vervielfachen, die Zeichnungen der Schüler reflektieren und eine einzigartige Welt der kindlichen Vorstellungskraft schaffen. Diese Räume sind nicht nur originelle innenarchitektonische Lösungen, sondern auch eine Denkweise. Nach dem Konzept der Designer verkörpert die gesamte Schule den materialisierten „Geist des silbernen Drachen“ – ein Wesen, das glänzt, sich verändert, keine Grenzen kennt und immer wieder überrascht.
Bühne statt Unterricht

Die Direktorin Susanne Kreitmeyer beschloss, die gewöhnliche Grundschule in eine Theaterschule zu verwandeln, nachdem sie festgestellt hatte, dass traditionelle Lehrmethoden die Kinder nicht mehr interessierten. Es begann als Experiment – einige Theaterprojekte pro Woche. Dann stellte man fest, dass die Idee hervorragend funktionierte und die Kinder begannen, sich auf der Bühne auszudrücken. Seitdem erstrahlen in der Erika-Mann-Grundschule die Scheinwerfer, die Vorhänge rascheln, und die Kinder probieren aufgeregt Theaterkostüme an und lernen Mathematik, Geschichte und andere Fächer spielerisch auf der Bühne. Das von der Schule umgesetzte Konzept ist einfach und doch revolutionär: Wissen durch Theater, Emotionen, Spiel und gemeinsame Kreativität zu vermitteln.
Jede Klasse bereitet Aufführungen vor, in denen Wissen aus verschiedenen Fächern – von Mathematik bis Literatur – kombiniert wird. Dieses interdisziplinäre Modell ermöglicht es den Kindern, den Stoff tiefer zu verstehen und kritisches Denken, Zusammenarbeit und Empathie zu entwickeln. In den Klassenzimmern gibt es interaktive Whiteboards und Bereiche für Gruppenarbeit, und in einem separaten Flügel befindet sich eine moderne Theaterbühne mit Licht- und Tonausstattung. Dies ist ein Ort, an dem Kinder nicht nur lernen, sondern Wissen in Handlung, Emotion und Erfahrung umwandeln. Daneben gibt es eine Werkstatt für Kostüme und Dekorationen, in der die Schüler die Requisiten für ihre Aufführungen selbst herstellen.
Bildung mit dem Geschmack von Freiheit

Aber nicht nur die technische Ausstattung zeichnet diese Schule aus. Dort wird auch auf das innere Wohlbefinden jedes Kindes geachtet. In der Schule arbeiten Sozialpädagogen, Logopäden und Psychologen. Die Einrichtung verfolgt das Prinzip der Inklusion – in den Klassen lernen Kinder mit unterschiedlichen Bildungsbedürfnissen. Für jedes von ihnen werden Bedingungen geschaffen, die seinen individuellen Fähigkeiten entsprechen.
Anstelle von eintönigem Unterricht gibt es individuell zugeschnittene Aufgaben, Arbeit mit Wochenplänen, Lernprojekte und differenzierten Unterricht, der das Tempo und den Stil jedes Kindes berücksichtigt. In den ersten Jahren lernen die Schüler in altersgemischten Gruppen, und selbstständiges Lernen wird als ebenso wichtig angesehen wie der traditionelle Unterricht. Das Ziel dieses Ansatzes ist nicht nur, Wissen zu vermitteln, sondern den Schülern zu helfen, das Lernen zu lernen.
Bildung durch Rollen

Die Philosophie der Schule ist es, eine Umgebung zu schaffen, in der sich Schüler ohne Einschränkungen und Ängste in Sicherheit entwickeln können. In der Erika-Mann-Grundschule werden auch spezielle Programme zur Gewaltprävention umgesetzt: Schulmediatoren helfen bei der Lösung von Konflikten, Schüler beteiligen sich an der Arbeit des „Schulreviers“, und die Zusammenarbeit mit der Polizei stärkt das Vertrauen der Kinder.
Nach dem Unterricht hört das Leben in der Schule nicht auf. Das Nachmittagsprogramm „Hort“ dauert bis 16:00 Uhr und für Interessierte sogar bis 18:00 Uhr. Die Kinder können zwischen Workshops in Musik, Tanz, bildender Kunst wählen und sich auch in MINT-Bereichen versuchen: von Robotik bis zur Experimentalphysik. Das Theater in dieser Schule ist keine Dekoration, sondern ein lebendiges Bildungsmodell, bei dem die Kinder nicht nur lernen, Rollen zu spielen, sondern auch die Welt zu spüren, sie zu erforschen und mutig zu handeln.
Die kleine Bühne einer großen Kindheit

Die Erika-Mann-Grundschule ist eine von drei offiziell anerkannten Modellschulen für darstellende Kunst in Deutschland. Mit Unterstützung des Berliner Senats und dank Sponsorenhilfe konnte die Einrichtung ein Theater mit professioneller Beleuchtung, einer Kostümwerkstatt, Kulissen und einer vollwertigen Bühne schaffen. Dies ist sehr wichtig, da der Theatersaal nicht nur zum Zentrum für Aufführungen, sondern auch für den täglichen Lernprozess geworden ist.
Darüber hinaus arbeitet die Erika-Mann-Grundschule weiterhin mit bekannten Berliner Theatern, unabhängigen Studios und Künstlern zusammen. Dies erweitert nicht nur den Horizont der Schüler, sondern lässt sie auch in ein echtes künstlerisches Umfeld eintauchen. Die Kinder nehmen an Theaterfestivals und Wettbewerben teil, von denen sie oft mit Auszeichnungen zurückkehren. Die Bemühungen der Einrichtung blieben nicht unbemerkt. 2004 gewann die Erika-Mann-Grundschule den 1. Platz im Bundeswettbewerb „Soziale Stadt“ und erreichte 2008 die Endrunde des Deutschen Schulpreises, wo sie den ehrenvollen achten Platz unter den besten Bildungseinrichtungen des Landes belegte.
Quellen:
