Die Königlich Preußische Eisengießerei in Berlin (Königliches Preußisches Eisenwerk Berlin) begann nicht mit dem Dröhnen der Öfen oder fertigen Erzeugnissen, sondern mit einem Zweifel: Könnte man Gusseisen überhaupt dazu bringen, gleichzeitig industriellen Anforderungen und der Kunst zu dienen? Zunächst wurde diese Idee 1796 in der schlesischen Industriestadt Gleiwitz (Gliwice) getestet. Als das System bewies, dass die Idee realisierbar war und die Produktion funktionierte, begann die Arbeit in der Hauptstadt. In Berlin schlossen sich die Meister Johann Krigar und Wilhelm Stilarsky dem Vorhaben an. Mehr dazu auf berlin1.one.
Wie Berlin seine erste industrielle Fabrik eröffnete

Um eine staatliche Eisengießerei nach dem Vorbild des ersten Werks in Gleiwitz zu errichten, erwarb Preußen im Jahr 1803 eine Schleif- und Poliermühle am Fluss Panke. Sie befand sich vor dem Oranienburger Tor – damals noch am Stadtrand. Später, als Berlin wuchs, erhielt dieses Industriegelände die Adresse Invalidenstraße 92.
Um die Produktion anzukurbeln, holte Graf von Reden zwei wertvolle Spezialisten nach Berlin – Johann Krigar und Wilhelm Stilarsky. Sie sollten die technologische Basis für das künftige Unternehmen entwerfen. Bereits 1804 wurden in der Berliner Königlichen Eisengießerei zwei Tiegelöfen und ein Kupolofen in Betrieb genommen. Die Produktion startete damals in bescheidenem Umfang, gewann jedoch allmählich an Fahrt. Die Produktionsmengen stiegen auf über 700 Kilogramm, und die Zahl der Mitarbeiter nahm deutlich zu.
Wann wurde Gusseisen zum Kunstmaterial?

Wilhelm Stilarsky verfügte bereits über Erfahrungen aus einem anderen Werk, musste jedoch am neuen Standort neue Bedingungen und Bedürfnisse berücksichtigen. Daher begann er, eigene Modelle zu entwerfen, die speziell auf Berlin zugeschnitten waren. So bildete sich im Werk ein neues Prinzip heraus – die Aufmerksamkeit für die Form. Anfangs waren es Möbelbeschläge und kleine Verzierungen, mit denen ein neues Verständnis der Produktion begann: Ein Gegenstand ist auch durch seine äußere Gestaltung wertvoll.
Gleichzeitig produzierte das Werk weiterhin das, was die Stadt und die Armee benötigten:
- Grabkreuze;
- Waagen;
- Rohre;
- Maschinenteile;
- Militärausrüstung;
- Denkmäler.
Im Laufe der Zeit begann das Unternehmen auch mit neuen Metallen zu arbeiten. 1822 kamen Produkte aus Bronze hinzu, 1833 solche aus Zink. Jedes neue Material eröffnete neue Möglichkeiten, erschwerte aber auch die Arbeit. Rund um das Werk in Berlin entstand allmählich ein eigenes Industriegebiet, das als Feuerland bekannt wurde.
Wie die Gießerei zum Instrument der Berliner Akademie der Künste wurde

Auf Initiative des berühmten Bildhauers Johann Schadow wurden neue talentierte Meister in die Berliner Gießerei und die Königliche Porzellan-Manufaktur eingeladen. Unter ihnen war der Tiroler Medailleur Leonard Posch. Zu dieser Zeit leitete Schadow bereits die Hofbildhauerwerkstatt und stand der Berliner Akademie der Künste vor. Er war es, der bestimmte, wie die „offizielle“ Kunst jener Zeit auszusehen hatte.
Große Denkmäler waren nur ein Teil seiner Arbeit. Schadow widmete sich auch intensiv kleineren Erzeugnissen und entwarf originelle Varianten von Gussmedaillen und Figuren. Diese wurden anschließend in der Eisengießerei in Serie gefertigt. In dieser Zeit entstand Schadows bekanntestes Werk – die kleine Skulptur eines Windspiels, bekannt als „Schadow-Hund“. Sie war bei den Deutschen so beliebt, dass sie von verschiedenen Werkstätten, sogar privaten, kopiert wurde. So wurde aus einem Modell ein in ganz Deutschland bekanntes Symbol.
Europäischer Kunstguss nach Schinkels Modellen

Die Berliner Preußische Eisengießerei entwickelte sich allmählich zu einem Anziehungspunkt für namhafte Künstler. Diese zeichneten nicht mehr nur Entwürfe, sondern arbeiteten direkt mit den Meistern zusammen, die die Objekte gossen. Einer von ihnen war der Architekt und Künstler Karl Friedrich Schinkel, der in den 1820er und 1830er Jahren den Stil für die Erzeugnisse des preußischen Hofes prägte. Er entwarf die Formen und fertigte die Zeichnungen an, während die Werke in Berlin, Gleiwitz und Lauchhammer diese in reale Objekte aus Bronze und Eisen umsetzten.
Schinkel entwarf originelle:
- Vasen;
- Medaillen;
- Brieföffner;
- Bänke;
- Tische;
- Sessel;
- Gartenmöbel.
Die nach den Modellen von Schinkel und Posch gefertigten Werke wurden weit über die Grenzen Preußens hinaus berühmt. Sie dienten sogar russischen Werken als Vorbild für den Kunstguss, wobei man dort die Modelle stärker an lokale Traditionen anpasste. Es wäre jedoch falsch zu glauben, dass alle Erzeugnisse der Königlich Preußischen Eisengießerei ausschließlich von Schinkel oder Posch stammten. Ihre Entwürfe gaben einen Stil vor, der später ein Eigenleben entwickelte und von einem Werk zum anderen wanderte, wobei er sich in den verschiedenen Ländern veränderte.
Johann Wolfgang von Goethe in den Eisenwerken von Christian Rauch

Für die Königlich Preußische Eisengießerei in Berlin spielte der Bildhauer Christian Daniel Rauch eine entscheidende Rolle. Mit ihm erlebte das Werk einen zweiten Frühling; die Meister begannen, verkleinerte Kopien großer Skulpturen herzustellen.
So entstanden in den Werkstätten Repliken bekannter Denkmäler und Porträtbüsten von:
- Gebhard Leberecht von Blücher;
- Gerhard von Scharnhorst;
- Hans Yorck von Wartenburg;
- August Neidhardt von Gneisenau.
Doch Meister Christian beschränkte sich nicht auf monumentale Skulpturen, ihn faszinierte auch die Arbeit an kleinen Modellen. Er schuf kompakte Statuetten, die als Vorlagen für den Guss dienten. Im Jahr 1829 fertigte er eine Goethe-Figur in Gusseisen an, die sehr populär wurde. Sie wurde später in zahlreichen Werkstätten reproduziert, wodurch aus einem einzigen Entwurf viele Kopien entstanden.
Rauch beschränkte sich nicht nur auf die Erstellung von Skizzen. Er wusste genau: Eine Skulptur steht und fällt mit der Präzision der Ausführung. Daher übernahm er auch die Ausbildung der Handwerker. Zwischen 1824 und 1827 leitete er eine Schule, in der Gießer und Ziseleurlehrlinge ausgebildet wurden. So baute Rauch im Werk allmählich ein erstklassiges Team auf, das die Qualität der Kunstwerke garantierte.
Wie das Werksgelände zum Berliner Regierungsviertel wurde
Die Berliner Eisengießerei hinterließ Spuren, die man auch im 21. Jahrhundert noch auf alten Friedhöfen der Stadt finden kann – es sind die Grabkreuze, die zu stummen Zeugen ihrer Epoche geworden sind. An diesen charakteristischen Werken erkannte man den Berliner Guss weit über die Grenzen der Hauptstadt hinaus. Es etablierte sich sogar der Begriff „Berliner Eisen“ (Fer de Berlin), der zu einem Gütesiegel für dekorativen Guss und Memorialkunst wurde.
Doch trotz des Ruhmes ihrer Erzeugnisse hatte die Fabrik keinen dauerhaften Bestand. Der letzte Guss fand am 5. Januar 1874 statt, und bereits 1878 wurde das Unternehmen liquidiert. Die Gebäude wurden der Preußischen Geologischen Landesanstalt übergeben, die das Gelände für ihre Zwecke umbaute. Der südliche Teil des Gebäudes wurde dem Geologischen Institut zugeteilt, während im Hauptgebäude das Museum für Naturkunde untergebracht wurde. Nach der deutschen Wiedervereinigung und dem Berlin-Bonn-Gesetz wurde der Südflügel renoviert und dem Bundesministerium für Verkehr übergeben.
Wie eine Fabrik die industrielle Logik Berlins neu definierte

Dieses Werk war für die Hauptstadt weit mehr als nur ein Ort, an dem Metall geschmolzen wurde. Es lehrte die Stadt ein neues Denken: Dinge nicht nur zu bauen, sondern Objekte zu erschaffen, die vervielfältigt, perfektioniert und verbreitet werden können. Dank dieses Industriestandorts spürte Berlin zum ersten Mal, dass es nicht nur eine Hauptstadt, sondern auch eine Werkstatt sein konnte, in der Vorbilder für das ganze Land entstanden.
Für Deutschland wurde die Königlich Preußische Eisengießerei zum ersten Unternehmen, das Technik und Kunst miteinander verband. Was zuvor getrennt von Ingenieuren und Künstlern geschaffen wurde, verschmolz hier zu einem gemeinsamen Prozess. Die Welt sah dadurch wunderschöne und qualitativ hochwertige Werke, die Tausenden von deutschen Handwerkern eine neue Orientierung gaben.
Quellen:
- https://www.gedenktafeln-in-berlin.de/gedenktafeln/detail/koenigliche-eisengiesserei
- https://paz.de/artikel/aufstieg-und-fall-einer-preuszischen-fabrik-a10616.html
- https://collection.sciencemuseumgroup.org.uk/people/cp81138/christian-rauch
- https://muzeumcyfrowe.mnwr.pl/en/creator/posch-leonhard-1750-1831-1
