Berliner Brauerei in Charlottenburg – wie ein Industriekomplex zur Künstlerresidenz wurde?

Berlin erschafft seit langem nicht nur Bier, sondern auch neue Kulturformen – schnell, dicht und ohne Pausen. Dort koexistieren alte Handwerkstraditionen, die wiederbelebte „Berliner Weisse“ und neue Mikrobrauereien, die keine Angst vor Experimenten mit Geschmacksrichtungen haben. Die Bierkarte der Stadt ist eine Mischung aus Industriegeschichte und moderner Gastrokultur: von Backsteinhallen des 19. Jahrhunderts bis hin zu Bars, in denen die Schlange für saisonale Sorten selbst an Wochentagen nicht abreißt. Mehr dazu auf berlin1.one.

In dieser Liste sticht die Geschichte der Brauerei in Alt-Lietzow 12 besonders hervor. Dieser Ort hat mehrfach seinen „Geschmack“ verändert, aber das Wichtigste bewahrt – den Geist der Berliner Transformation, in der Produktion, Handwerk und Kreativität zu einer gemeinsamen Geschichte wurden.

Brauerei zwischen Macht und Bäckerei

Brauerei Alt-Lietzow

Im Jahr 1888 beschloss der Kaufmann Rudolf Braun, der zuvor mit Pferdefutter handelte, seine Richtung zu ändern und gründete in Charlottenburg eine Brauerei für die Herstellung von Weißbier. Er erwarb ein Grundstück zwischen der Lützowstraße und der Berliner Straße, wobei er auf den dichten Stadtverkehr und einen schnellen Absatz setzte.

Auf der einen Seite dieses Geländes befanden sich das Charlottenburger Rathaus und das Polizeipräsidium, auf der anderen die Hofbäckerei Hempel. Bei einer solchen Nachbarschaft versprach die Brauerei profitabel zu werden. Daher wurde bei Projektierung und Bau nicht gespart: eine Backsteinfassade, Rundbogenfenster und die charakteristische Plastik des Historismus prägten das Bild.

Vom Stall zum Aufzug: Wie sich die Logik der Produktion änderte

Industrielle Entwicklung

Als Mitglied des Berliner Verbandes der Weißbierbrauer spürte Rudolf Braun genau den Moment, in dem die Nachfrage in der Stadt die Produktion ständig antrieb. Im Jahr 1900 zählte Berlin über 50 Brauereien – einen Markt dieses Ausmaßes hatte es zuvor nicht gegeben. Im Jahr 1890 begann der Kaufmann mit dem Umbau seines eigenen Komplexes.

Dieser bestand aus:

  • einem Kesselhaus;
  • Stallungen;
  • dem Sudhaus, in dem das Bier gebraut wurde;
  • einer Halle für die Fassverladung;
  • Räumlichkeiten für die Lagerung von Malz, Getreide, Grütze und Inventar.

Das Zentrum der Rohstoffaufbereitung befand sich auf dem Dachboden, wo die Malzerei untergebracht war. Die Verwaltung, für die ebenfalls Räume gefunden wurden, überwachte die Ordnung. Der Kaufmann versuchte, mit der Zeit zu gehen: 1893 installierte er einen Dampfkessel, 1905 einen Lastenaufzug, der die Geschwindigkeit des industriellen Prozesses erhöhte.

Warum wählte Braun Weißbier?

Dieses Getränk war im Berlin des späten 19. Jahrhunderts nicht einfach nur eine Sorte. Es war ein Produkt, das perfekt in das Stadtleben passte: leicht, mild und schmackhaft. Solch ein Bier erforderte keine komplizierte Zubereitung und war in den lokalen Kneipen sehr gefragt.

Braun entschied sich nicht zufällig für Weißbier: Als Kaufmann orientierte er sich weniger an der Tradition als vielmehr am Markt. In Berlin wuchs die Nachfrage nach einem Getränk, das in großen Mengen und stabil verkauft werden konnte, ohne die komplexe Logistik einer langen Reifung. Das Weißbier garantierte einen schnellen Gewinn, was ganz im Sinne des Besitzers war.

Wie fügte sich die Brauerei Braun in den schnellen Rhythmus Berlins ein?

Berlin im 19. Jahrhundert

Ende des 19. Jahrhunderts wuchs Berlin rasant: Fast täglich entstanden neue Häuser, und die Stadt verwandelte sich allmählich in ein großes Industriezentrum. Die Brauerei Braun in Charlottenburg fügte sich als wichtiger Teil der städtischen Wirtschaft in diese Bewegung ein. Sie stand inmitten einer dichten Bebauung, neben staatlichen Institutionen, Bäckereien und Wohnhäusern und arbeitete somit im Rhythmus der Stadt.

Für das damalige Berlin waren solche Brauereien mehr als nur Produktionsstätten, denn:

  • sie gaben den Berlinern Arbeit;
  • sie zogen Zulieferer, Transportwesen und Handel an;
  • sie belebten die Quartiere.

Um sie herum waren ständig Menschen, Waren und Fuhrwerke in Bewegung. Und auch die Brauerei Braun wurde zu einem wichtigen Bestandteil jenes täglichen städtischen Stroms, der Berlin in ständiger Bewegung hielt.

Von Fabriken zu Werkstätten: Was wurde aus der ehemaligen Brauerei nach den Kriegen?

Der Erste Weltkrieg traf die Berliner Brauereien mit leeren Lagern. Rohstoffe wurden immer knapper, und 1916 musste Rudolf Braun die Produktion von Weißbier drosseln. Er entschied sich damals, die oberen Stockwerke einer Wäscherei zu überlassen und einen Teil der Räumlichkeiten für Haushaltszwecke umzubauen. Die einst starke Produktion verlor allmählich an Tempo und kam 1920 vollständig zum Erliegen.

Danach wechselten die Besitzer des Gebäudes häufig:

  • die Lebensmittelfabrik „Adam“ im Jahr 1924;
  • das Speditionsunternehmen „Ernst Klews“ Ende der 1920er Jahre;
  • das Trickfilmstudio des Ingenieurs Friedrich Stier in den 1930er Jahren.

Der Zweite Weltkrieg zerstörte einen erheblichen Teil des Vorderhauses. Dennoch wurden die anderen Räume des Komplexes weiter genutzt: Es eröffneten Werkstätten für Polstermöbel, eine Speiseeisproduktion sowie die Herstellung und Lieferung von Teilen für Fleischereimaschinen. Die bekannte Geschichte der Brauerei endete, aber das Gebäude existierte weiter.

Vom Erfolg zum Umzug: Wie die Produktion die ehemalige Brauerei verließ?

Bärenlikör Produktion

Im Jahr 1950 nutzte der Unternehmer Karl-Heinz Schmidt die leeren Produktionsflächen der ehemaligen Brauerei und startete dort die Herstellung der „Bärenliköre“. Nach dem Zweiten Weltkrieg erholte sich der Alkoholmarkt schnell, und die Verbilligung der Rohstoffe für die Spirituosenherstellung ermöglichte ein Arbeiten ohne große Startkosten. Schmidt nutzte dies, und die Ware verkaufte sich in der Stadt recht zügig.

In der Mitte der 1950er Jahre wuchs die Produktion sprunghaft an, was sich zeigte durch:

  • Zweischichtbetrieb;
  • eine beachtliche Anzahl an Mitarbeitern.

Die Marke wurde weithin bekannt – an der Fassade prangte der Slogan „Bärenliköre schaffen Bärenstimmung“, der dort über viele Jahre zu sehen war. Doch 1965 wurde die Produktion nach Tempelhof verlegt, woraufhin das Gebäude in den Besitz anderer Eigentümer überging.

Einen Teil der Flächen belegte die Firma „Havelland Spirituosen“, die die Arbeit in Alt-Lietzow fortsetzte. Daneben wurde ein Wäschereibetrieb eingerichtet. So zerfiel der ehemalige Produktionskomplex endgültig in einzelne Betriebe, die das alte System nicht mehr wiederherstellten, sondern lediglich dessen Überreste nutzten.

Vom Chaos zur Gemeinschaft: Wie in den 1980er Jahren ein Kunstzentrum entstand?

Künstlergemeinschaft

Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre wurde die ehemalige Brauerei zu einem Wohnhaus. Aufgrund der Nähe zur Deutschen Film- und Fernsehakademie (DFFB) begannen sich dort Filmschaffende zu versammeln, die Raum für Gespräche, Montage, Diskussionen und nächtliche Treffen benötigten. Parallel dazu wählten Aktivisten des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) denselben Ort. So verwandelte sich das Gebäude in ein „Wohnheim“ verschiedenster Gruppen, Ideen und Konflikte. Später zog auch der Regisseur Harun Farocki dorthin – als Teil eines Raumes, der als informelles Studio fungierte.

Anfang der 1980er Jahre transformierte sich dieses Chaos in eine Künstlergemeinschaft. Das Gebäude nahm Maler, Musiker, Instrumentenbauer und Schriftsteller auf, ohne das Territorium strikt in „Wohnung“ und „Werkstatt“ zu trennen. Ab 1987 bezog die Künstlerin Bridget Arndt eines der Ateliers und verwandelte den Komplex der ehemaligen Brauerei schrittweise in einen Veranstaltungsort: Ausstellungen, Lesungen, Konzerte und kleine Festivals fanden ohne Distanz zwischen Bühne und Wänden statt.

Von der Brauerei zum Kulturraum: Wie ein Gebäude alle Epochen Berlins überlebte?

Kulturzentrum heute

Im Jahr 2017 schloss Bridget Arndt zusammen mit Frank Schredter einen langfristigen Mietvertrag für das Haus ab. Diese Entscheidung festigte das, was längst offensichtlich geworden war: Der Raum hatte sich in eine lebendige Residenz verwandelt, die von der ständigen Überlagerung von Menschen und Praktiken lebte. In der ehemaligen Brauerei etablierten sich:

  • die Geigenakademie von Michiko Feuerlein mit dem Konzertsaal „Saitenflügel“;
  • Workshops für Kinder und Erwachsene;
  • die Galerie „Lietzow“ als Ausstellungsplattform.

Einen eigenen Rhythmus gab zudem der „essbare Garten“ vor, den Bridget Arndt 2018 auf einer zuvor verwahrlosten Fläche anlegte. Er wurde als lebendiger Raum gestaltet, in dem Zier- und Nutzpflanzen nebeneinander wachsen. Den Anstoß dazu gab eine kurze Einladung an einer Gärtnerkiste: „Wir sammeln Samen aus der ganzen Welt“. Daraufhin begannen die Berliner, Samen und Pflanzen zu bringen, und der Garten wuchs schnell über eine private Idee hinaus.

So beweist die ehemalige Brauerei, dass Berlin alte Industrieräume nicht vernichtet, sondern für sie neue Verwendungsmöglichkeiten findet. In den 2020er Jahren ist der Komplex in Alt-Lietzow 12 kein Produktionsstandort mehr, sondern ein lebendiger kultureller Treffpunkt, an dem sich Kunst, Musik und aktives Stadtleben kreuzen.

Quellen:

  1. https://lietzow12.de/
  2. https://www.stadtfindetkunst.de/atelierh%C3%A4user-1/alt-lietzow-12/
  3. http://barclayperkins.blogspot.com/2015/03/berliner-weissbier-breweries-in-1890s.html

More from author

Das Geheimnis von Berlins ältestem Restaurant „Zur Letzten Instanz“

In Berlin findet man viele Neuheiten der modernen Küche, doch die Stadt schätzt auch ihre alten Institutionen – jene, die den Wandel der Epochen...

Berliner Imker: Wer steckt hinter dem städtischen Honig-Boom?

Im modernen Berlin arbeiten hunderte von Imkern, und für die Metropole ist dies längst keine Exotik mehr. Bienenstände entstehen hier nicht nur am Stadtrand,...

Die Königlich Preußische Eisengießerei in Berlin und ihr Erbe

Die Königlich Preußische Eisengießerei in Berlin (Königliches Preußisches Eisenwerk Berlin) begann nicht mit dem Dröhnen der Öfen oder fertigen Erzeugnissen, sondern mit einem Zweifel:...
...