Über die Vernichtung von Menschen jüdischer Abstammung während des Zweiten Weltkriegs weiß die ganze Welt Bescheid. Die Zahl der Opfer wird in den verschiedenen Ländern auf Millionen geschätzt. Allein in Berlin lebten in den 1930er Jahren über 160.000 Juden. Fast alle von ihnen wurden erschossen oder deportiert, als Adolf Hitler an die Macht kam. Auch die Bildungs- und religiösen Einrichtungen der jüdischen Gemeinde wurden zerstört. Es dauerte Jahrzehnte, um das Verlorene wiederherzustellen. Mehr dazu auf berlin1.one.
Die erste jüdische Grundschule entstand in Berlin erst 1986 nach diesen schrecklichen Ereignissen. Ihr Bau war nicht nur eine dringende Notwendigkeit, sondern auch ein symbolischer Akt für die wiederaufgebaute jüdische Gemeinde der Stadt. Sie unterschied sich nicht nur durch den Stundenplan von anderen Bildungseinrichtungen, sondern auch durch ihre außergewöhnliche architektonische Form, die ebenfalls eine symbolische Bedeutung hatte.
Das Schicksal jüdischer Kinder in Berlin vor dem Zweiten Weltkrieg

Zahlreiche jüdische Gemeinden existierten zu Beginn des letzten Jahrhunderts in allen Städten Europas, Berlin war da keine Ausnahme. Es ist bekannt, dass im Jahr 1778 in der Stadt die Jüdische Freischule eröffnet wurde, deren Gründer Vertreter der Gemeinde Friedländer und Itzig waren. Der Unterricht dort wurde in deutscher Sprache geführt. Im Jahr 1826 wurde die Knabenschule der jüdischen Gemeinde gegründet, für die ein eigenes Gebäude in der Großen Hamburger Straße errichtet wurde.
Dokumente belegen, dass es 1933 in Berlin über 160.000 Menschen jüdischer Herkunft gab – fast ein Drittel der gesamten jüdischen Bevölkerung Deutschlands. Dementsprechend gab es zahlreiche Schulen, Clubs, Synagogen, Bibliotheken und öffentliche Organisationen, die von der jüdischen Gemeinde Berlins gegründet und betrieben wurden. Nach dem Ersten Weltkrieg stieg die Zahl der Schüler in den jüdischen Schulen der Stadt erheblich. Allein zwischen 1919 und 1927 wurden in Berlin fünf neue jüdische Bildungseinrichtungen eröffnet. Doch als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, begann die vollständige Zerstörung von allem und allen, die jüdischer Herkunft waren. Deshalb dauerte es viele Jahre, um die Gemeinde in Berlin wiederherzustellen.
Jüdische Grundschule: gebaut in Form einer Sonnenblume

Die Jüdische Grundschule in Berlin-Charlottenburg wurde 1986 eröffnet. In den ersten Jahren gab es dort nur 25 Schüler. Doch nach dem Fall der Berliner Mauer wanderten zahlreiche Juden aus den ehemaligen Sowjetstaaten nach Deutschland ein, und sofort entstand der Bedarf, die Schule zu erweitern. Das Projekt für die neue Schule wurde vom bekannten israelischen Architekten Zvi Hecker entworfen. Mit ihrer ungewöhnlichen Form erinnerte die Struktur an die Blätter einer Sonnenblume, und aus der Vogelperspektive betrachtet – an die Seiten eines Buches. Der Architekt erklärte seine Entscheidung damit, dass ein Buch und eine Sonnenblume die kindliche Natur verkörpern: Lebensfreude, den Wunsch, neues Wissen zu erlangen, Neugier auf die Geschehnisse in der Welt und das Streben, in allem Entdecker zu sein.
Die Vertreter der jüdischen Gemeinde Berlins unterstützten dieses Projekt mit ihren Argumenten. Sie betonten, dass die Sonnenblume an die Sonne erinnert, die eine Lebensquelle ist. Und Bildung sei ebenfalls Licht, ein organischer Weg, Wissen von einer Person zur anderen weiterzugeben. Die Sonnenblumenkerne seien Wissenspartikel, die Lehrer säen müssten. Zwar gab es Debatten innerhalb der Gemeinde, doch letztlich einigte man sich darauf, dass die Schule richtig gestaltet wurde. Denn sie erinnert in ihrer Form auch an ein Buch – das einzige Element, das Juden in der Diaspora zu kultivieren erlaubt ist.
Weitere Besonderheiten der Bauweise

Der Projektverfasser, Architekt Zvi Hecker, sah in der originellen Form der Schule nicht nur die Blätter einer Sonnenblume, sondern auch Sonnenstrahlen. Der Architekt plante das Gebäude so, dass die Sonnenstrahlen alle Klassenzimmer beleuchten konnten. Dazu wurden umfangreiche Berechnungen der Sonnenbahn und der Länge der Sonnenstrahlen durchgeführt, die benötigten Bereiche wurden mit speziellen Markierungen festgelegt. Erst nach Abschluss aller Berechnungen begann der Bau der Wände. Der Bau dauerte lange, da die ungewöhnliche Form ständige Anpassungen erforderte.
Während des Baus stellte sich jedoch heraus, dass das große Schulgebäude sich in eine ungewöhnliche, labyrinthartige Stadt in der Stadt verwandelte. Die Korridore und Innenhöfe waren durch Übergänge verbunden, und Licht- und Schattenspiele hoben die Besonderheiten hervor. Die drehbare Sonnenblumenform konzentrierte sich auf den Eingangsbereich, wo alle Elemente – die Seiten des architektonischen Buches – zusammenkamen. Dadurch entstand im Inneren des Gebäudes ein halbgeschlossener Raum. Die zahlreichen Innenhöfe boten den Kindern ein Gefühl von Geborgenheit und die Möglichkeit, sich während der Pausen oder in Ruhezeiten zurückzuziehen.
Die Eröffnung der ersten neugebauten jüdischen Schule in Berlin nach dem Holocaust fand 1995 statt. Architekten, Pädagogen und Journalisten reisten nach Berlin, um das ungewöhnliche Gebäude zu besichtigen. Die Initiatoren des Projekts scheuten keine Kosten: Die Konstruktionen bestanden aus dicken Ziegelwänden, für ausgezeichnete Isolierung sorgte Beton in Böden und Decken. Die Fenster waren aus massivem Holz mit Dreifachverglasung. Besucher nannten die Schule scherzhaft eine Festung wegen der starken Wände und der komplexen inneren Struktur. Diese Beschreibung traf teilweise zu. Doch trotz hoher Stabilität und Schutzstufen strahlte das Gebäude mit seinem Äußeren Lebendigkeit und Optimismus aus. Kein Wunder, dass die Schüler schnell an die ungewöhnliche Struktur ihres Schulgebäudes gewöhnten und es sehr liebten.
Heinz Galinski – eine weitere symbolische Wahl

Die Jüdische Grundschule erhielt den Namen des bekannten Aktivisten Heinz Galinski – eine nicht zufällige Wahl. In Deutschland wurde er als „Gewissen des jüdischen Volkes“ bezeichnet, da er sein ganzes Leben dem Schutz der Rechte seiner Glaubensgenossen widmete. Er war ein aktiver Teilnehmer am Wiederaufbau der Demokratie im Nachkriegsdeutschland, langjähriger Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Berlins und Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland. Dank der enormen Bemühungen von Heinz Galinski begann die Einwanderung sowjetischer Juden in die Bundesrepublik Deutschland.
Das Schicksal stellte ihn vor schreckliche Prüfungen. In den 1930er Jahren zog der junge Spezialist mit seinen Eltern und seiner Frau nach Berlin. Im November 1938 entging die Familie nur knapp dem verheerenden Pogrom, der als „Reichspogromnacht“ in die Geschichte einging. Später folgten Zwangsarbeit in einem Rüstungsbetrieb, das Grauen von Auschwitz, wo seine Mutter und Frau ermordet wurden, und Experimente an Gefangenen in den Werken von „IG Farben“. Er nahm am Todesmarsch im Januar 1945 teil, überlebte in Mittelbau-Dora und Bergen-Belsen. Nach Kriegsende kehrte er nach Berlin zurück, um anderen Überlebenden zu helfen, Strukturen zur Wiederbelebung jüdischer Gemeinden in Deutschland zu schaffen. Sein ganzes Leben widmete er der Verhinderung einer Wiederholung des Holocaust.
Wie lebt die Schule im 21. Jahrhundert?

Die Jüdische Grundschule erlangte den Status einer staatlich anerkannten Ganztagsschule in privater Trägerschaft. Über Jahrzehnte entwickelte sich die Einrichtung aktiv, und die Schülerzahl stieg. Anfang der 2020er Jahre gab es dort 15 Klassen mit jeweils bis zu 22 Schülern. Insgesamt bietet die Schule Platz für 270 Kinder, und genau so viele lernen dort. Jede Klasse hat eine eigene Betreuungskraft. Der Unterricht erfolgt nach dem Berliner Rahmenlehrplan unter Berücksichtigung jüdischer Traditionen. Hebräisch, die Tora und nationale Bräuche sind fester Bestandteil des Lehrplans.
Da die Kinder ganztägig in der Schule sind, ist ein Mittagessensystem vorgesehen, und die Schüler werden mit Schulbussen gebracht. Die Schulgebühren hängen vom Einkommen der Eltern ab, aber diese Flexibilität gilt nur für Mitglieder der jüdischen Gemeinde. Nichtmitglieder zahlen den vollen Betrag. Diese Bedingungen sind auf der Website der Schule veröffentlicht. Die Pädagogen nutzen moderne Methoden und Technologien, sodass die Absolventen ein hohes Ausbildungsniveau vorweisen können.
