Jeder Mensch versucht, einen Beruf zu wählen, der ihm liegt. Denn nur so kann man darin herausragende Erfolge erzielen und Anerkennung erlangen. Ein Beispiel dafür ist das Leben der berühmtesten Textilkünstlerin des 20. Jahrhunderts, der Berlinerin Anni Albers, die als Revolutionärin gilt, die kreativ mit Stoffen arbeitete. Anni gelang es, das jahrhundertealte Handwerk mit den führenden Ideen der Moderne zu vereinen und die Welt damit zu überraschen. Seit 2019 sind ihre Werke im Museum „Tate Modern“ in London ausgestellt. Moderne Designer betonen, dass ihre Arbeiten auch im 21. Jahrhundert eine Quelle der Inspiration sind. Mehr dazu auf berlin1.one.
Auf der Suche nach ihrem kreativen Weg

Anni wurde im Juni 1899 in Berlin geboren, ihr vollständiger Name lautet Annelise-Elise-Frieda Fleischmann. Die Mutter arbeitete im Verlagswesen, der Vater war Möbelhersteller. Schon als Kind liebte Anni das Zeichnen und interessierte sich für Kunst. 1916 begann sie ein Studium bei dem Impressionisten Martin Brandenburg. Drei Jahre später war sie enttäuscht und beschloss, das Weben an der avantgardistischen Kunst- und Architekturschule zu lernen, die Walter Gropius in Weimar gegründet hatte.
Zunächst studierte sie unter der Leitung von Georg Muche und später bei Johannes Itten. Bereits vor ihrer Einschreibung plante Anni, die Geheimnisse der Glaswerkstatt zu erlernen, doch Frauen war es damals untersagt, bestimmte Kurse zu belegen. So entschied sie sich für das Weben. Mit Unterstützung der einzigen Meisterin der Schule, Gunta Stölzl, erlernte sie die anspruchsvolle Kunst des Textildesigns und begann, originelle geometrische Muster zu entwerfen.
Die Erfahrungen im Bauhaus, reflektiert in ihren Arbeiten

Unter der Leitung von Gunta Stölzl konnte Anni ihr volles Potenzial entfalten. Später schrieb sie in ihren Erinnerungen, dass Fäden sie damals fast gegen ihren Willen faszinierten. In ihrer Jugend hielt sie diese Arbeit für etwas Zartes, das nicht zu einer kreativen Persönlichkeit passe, die nach Außergewöhnlichem strebte. Doch die Muster überwältigten sie und siegte. Anni beherrschte schnell die doppelten und Jacquard-Webstühle und begann, riesige Wandteppiche und Möbelstoffe mit ungewöhnlichen abstrakten Mustern zu schaffen. Ihre Werke wurden in deutschen Zeitschriften veröffentlicht. Charakteristisch für Annis Arbeiten waren die außergewöhnlichen Materialien, die sie innovativ kombinierte, etwa Fäden mit Zellophaneinsätzen.
1926 heiratete sie ihren Kollegen Josef Albers. In ihrer Arbeit setzte sie innovative Muster und Materialien ein, die Licht reflektierten. 1931 übernahm sie die Leitung der Weberei, nachdem Gunta Stölzl die Schule verlassen hatte. Annis Originalität zeigte sich auch in der Kombination verschiedener Techniken des Siebdrucks. Wenn etwas nicht gelang, präsentierte sie es als Kreativität und nicht als Fehler. Bei der Farbauswahl orientierte sie sich an Paul Klee, der im Bauhaus Meisterklassen gab. Albers wandte seine chromatische Methode auf ihre Weise im Textildesign an und schuf einzigartige Farbkombinationen.
Die Besonderheiten von Anni Albers‘ Kunst

Als die Nazis an die Macht kamen, musste die Künstlerin Deutschland verlassen. 1933 zog sie mit ihrem Mann in die USA und wurde Dozentin am Black Mountain College in North Carolina. Doch ihre kreativen Experimente setzte sie fort. Sie behauptete, dass die Herstellung von Kleidung der Architektur ähnele, und sie bevorzugte besonders den Modernismus.
Anni verglich das Verflechten von Fäden mit den Mauern von Fundamenthäusern, sodass ihre Werke eher eine praktische als eine dekorative Funktion hatten. Später entwarf sie große Wandteppiche für Räume mit schlechter Akustik, schalldichte Stoffe für die Designfirma „Knoll“ und Trennwände, die einen Raum in mehrere gemütliche Bereiche unterteilen konnten. Das war damals eine Neuheit, und es ist nicht verwunderlich, dass die Werke der jungen Künstlerin sehr gefragt waren.
Der Einfluss Mexikos auf Albers‘ Kunst

Anni hörte nie auf, Neues zu lernen. 1935 beschloss sie, durch Mexiko zu reisen, wo sie sich für traditionelle andine Textilien begeisterte. So begann ein neues Kapitel ihrer Kreativität, das sie als Piktoriales Weben bezeichnete. Ihre originellen Serien, die sie nach ihrer Rückkehr schuf, inspirieren auch Jahrzehnte später namhafte Designer. Der britische Designer Paul Smith betonte, dass Albers für ihn immer wieder eine Inspirationsquelle war. Zur Eröffnung der Anni-Ausstellung im „Tate Modern“ 2019 präsentierte er eine limitierte Kollektion von Decken, Pullovern und Schals.
Erwähnenswert ist auch, dass sich die Künstlerin mit der Herstellung von Schmuck befasste. Doch sie verwendete keine Edelsteine oder Metalle, sondern improvisierte Materialien. Damit verdiente sie sich anfangs ihren Lebensunterhalt, später wurde es zu ihrem Hobby. Zu ihren bekanntesten Arbeiten gehören Halsketten aus Küchenschwämmen, Abflusssieben, Büroklammern und Korken.
Anerkennung in Amerika

1949 zogen die Albers nach Connecticut, wo Anni ihr eigenes Studio eröffnete. Ihr erster Erfolg war das originelle Design von Textilien für die Harvard University. Danach folgte der Durchbruch, als Albers die erste Textildesignerin war, deren Ausstellung im Museum of Modern Art in New York stattfand. Die Ausstellung startete im Herbst und reiste anschließend durch verschiedene Städte Amerikas. Die Tour dauerte von 1951 bis 1953, und ihre Werke fanden große Beachtung, was Albers den Ruf einer der talentiertesten Designerinnen ihrer Zeit einbrachte. Auf ihren Reisen durch Amerika und Mexiko begann sie, präkolumbianische Kunstwerke zu sammeln.
Nach der Ausstellung wandte sich Florence Knoll an sie, mit der Bitte, Stoffdesigns für die Möbelmanufaktur „Knoll“ zu entwerfen. Anni stimmte zu, und die Zusammenarbeit dauerte über 30 Jahre. Sie verstand es meisterhaft, die Anforderungen an Stoffe für die Massenproduktion mit individuellen kreativen Konzepten zu kombinieren. Ihre Werke waren erfolgreich und bleiben es auch im 21. Jahrhundert. Ihre originellsten Ideen veröffentlichte die Designerin im Buch „On Designing“. Für ihre Verdienste wurde sie 1961 mit der „Craftsmanship Medal“ des American Institute of Architects ausgezeichnet.
Ein weiteres Kapitel ihrer Kreativität

1963 besuchte Albers zusammen mit ihrem Mann ein Lithografie-Seminar in Los Angeles, wo ihr vorgeschlagen wurde, mit Drucktechniken zu experimentieren. Die Designerin probierte es aus und war sofort begeistert. Von da an widmete sie sich hauptsächlich Lithografien und Siebdrucken. Ihre besten Werke wurden in die Sammlung „Line Involvements“ aufgenommen. Im selben Jahr erschien ein Artikel von ihr in der „Encyclopaedia Britannica“, in dem sie die Besonderheiten dieses Bereichs darstellte. Später ergänzte Anni ihre Materialien und veröffentlichte 1965 ihr zweites Buch „On Weaving“. Darin analysierte sie die Entwicklung des Textildesigns in den USA der Mitte des Jahrhunderts und eröffnete ein neues Kapitel ihrer Kreativität. Dank Anni Albers und ihren Arbeiten wurde die Geschichte des Designs Teil akademischer Forschung.
Weitere Auszeichnungen
Doch auch ihre Heimat Deutschland vergaß die Künstlerin nicht. 1976 organisierte Anni Albers zwei große Ausstellungen in Deutschland, gefolgt von weiteren kleineren in den nächsten zwei Jahrzehnten. Ihre Erfolge wurden mit mehreren Ehrendoktorwürden und Preisen gewürdigt. Dazu gehörte die Goldmedaille des American Craft Council für „unbeirrte Exzellenz“, die sie 1981 erhielt.
Die Designerin reiste weiterhin durch Lateinamerika und Europa, entwarf kreative Lösungen und schuf originelle Drucke. Bis zu ihrem Lebensende hielt sie Vorträge. Diese talentierte und energische Frau starb im Mai 1994. Zu Ehren ihrer außergewöhnlichen Kunst organisierte die Galerie „Tate Modern“ in London 2018 in Zusammenarbeit mit der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Deutschland eine Retrospektive. Ein Jahr später, 2019, wurden die besten Werke der talentierten Designerin und Künstlerin Anni Albers an das Londoner Museum „Tate Modern“ übergeben.
