Im Jahr 2005 war der Berliner Stadtteil Mitte noch nicht von gläsernen Firmenzentralen geprägt, sondern glich eher einem Mosaik aus Industriebauten. Die Corporate-Welt lebte nach alten Regeln: starre Zeitpläne, Trennwände im Büro und Kontrolle statt Vertrauen. Doch gleichzeitig braute sich in der Stadt eine andere Revolution zusammen. Mehr dazu auf berlin1.
Am Rosenthaler Platz eröffnete der Unternehmer Ansgar Oberholz das Café St. Oberholz. Eine Kaffeemaschine, WLAN und die Möglichkeit, ohne strikte Einschränkungen mit dem Laptop zu arbeiten, schienen Kleinigkeiten zu sein, aber genau sie veränderten die Spielregeln. Was als gewöhnliches Café begann, wurde sehr schnell zum Treffpunkt für Gründer, Freelancer und Kreative. Nach und nach entwickelte sich das Lokal zu einem der wichtigsten Symbole der Berliner Coworking-Kultur und eines völlig neuen Ansatzes für die Büroarbeit.
Impactful Working statt Büro-Pathos

In den 2020er Jahren ist der Begriff „New Work“ jedem bekannt. Orientiert an neuen Trends entwerfen viele HR-Direktoren in Konzernen kreative Präsentationen, stellen Sitzsäcke auf und kaufen Tischkicker, in der Hoffnung, dass dies die Fluktuation stoppt. Im St. Oberholz blickt man jedoch nachsichtig auf solche Schritte, denn das wahre Geheimnis liegt woanders.
Ansgar Oberholz beschrieb seinen Ansatz zur Organisation des Arbeitsraums mit dem Begriff „Impactful Working“. Dabei geht es nicht um die Farbe der Wände oder kostenlose Kekse. Es geht darum, dass das Büro zu einem Werkzeug wird, das hilft, etwas Wertvolles zu schaffen. Im St. Oberholz wurde Produktivität nicht an der Anzahl der Stunden am Schreibtisch gemessen. Die Menschen entschieden selbst, wann sie arbeiteten, eine Pause machten oder einen Kaffee tranken. Genau diese Freiheit wurde zum Fundament des neuen Arbeitsansatzes. Man kommt dorthin, um in einer Atmosphäre zu sein, in der Produktivität ein neues Level erreicht – umgeben von Menschen, die für ihre Sache brennen, und nicht von jenen, die nur auf den Feierabend warten.
Technologien, die man nicht bemerkt

Mit der Zeit wuchs das St. Oberholz weit über das Café-Format hinaus und entwickelte sich zu einem Netzwerk aus Coworking-Spaces und flexiblen Büros, in denen das Raummanagement maximal digitalisiert ist. Der Zugang erfolgt per Smartphone, und alltägliche Prozesse sind automatisiert. Anstelle überflüssiger Prozeduren arbeiten hier digitale Services:
- Buchung von Besprechungsräumen;
- nahtloses WLAN;
- digitaler Zugang zu den Räumlichkeiten;
- Dienste, die die täglichen Abläufe automatisieren.
Das ist keine Magie, sondern Effizienz. Dank digitaler Lösungen wird die Bürokratie minimiert, sodass mehr Zeit für die eigentliche Arbeit bleibt.
Der Fall Frankfurt: Eine Bankfiliale wird zum Hub
Der in Berlin entstandene Ansatz wurde bald auch in anderen deutschen Städten angewandt. Ein solches Beispiel ist das Blok O in Frankfurt (Oder). Früher war es eine gewöhnliche Bankfiliale, dann entstand Blok O – ein Coworking-Space in Partnerschaft mit der bestehenden Filiale der Sparda-Bank Berlin. Dies war ein Bruch mit der bisherigen Realität: Die Menschen kamen wegen geschäftlicher Angelegenheiten und gingen mit neuen Geschäftsideen nach Hause.
Architektur, die unterstützt
Die meisten Büros sind ein einziges Lärmchaos. Jedes Gespräch, jedes Telefonat, sogar das Geräusch der Kaffeemaschine wird zu einer Hintergrundkulisse, die die Mitarbeiter ermüdet. Das St. Oberholz ging einen anderen Weg. Sie versuchten nicht, so viele Tische wie möglich unterzubringen. Sie schufen gemütliche Arbeitsplätze, separate Meetingräume und Ruhezonen, in denen man sich konzentrieren konnte. Alles war auf den Komfort der Menschen ausgerichtet.
Warum die Giganten gegen die Berliner Innovatoren verlieren?

Als globale Netzwerke wie WeWork den Markt stürmten, schien es, als würden lokale Akteure innerhalb weniger Monate verschwinden. Milliardeninvestitionen, aggressives Marketing und die Übernahme ganzer Gebäudekomplexe prägten das Bild. Doch die Zeit verging, WeWork geriet ins Straucheln, während das St. Oberholz weiterhin floriert und seine Räume ausbaut.
Der Grund ist einfach: Globale Netzwerke stehen für die Marke, das St. Oberholz steht für den Kontext. Ein Großkonzern versucht, „Gleichheit“ zu skalieren. Sie bauen Büros, die für jeden verständlich sein sollen. Das St. Oberholz hingegen will nicht universell sein. Es ist Berlin – hier spürt man den Rhythmus der Stadt und löst Probleme nicht allein durch massive Geldinvestitionen.
Im St. Oberholz versteht man: Menschen kommen nicht nur zum Arbeiten hierher. Es ist ihnen wichtig, sich wohlzufühlen und an einem Ort tätig zu sein, an den man gerne zurückkehrt. Im Gegensatz zu standardisierten Büros, die an Flughäfen oder Wartesäle erinnern, wird hier die Atmosphäre eines „eigenen Ortes“ geschaffen. Selbst Neulinge fühlen sich schnell dazugehörig.
Das Büro als „Dritter Ort“: Warum Arbeit nicht mehr nur ein Zeitplan ist?

Nach der Pandemie begann das alte Büromodell zu verschwinden. Niemand wollte Zeit für den Arbeitsweg verschwenden, um dann in einem Open Space E-Mails zu beantworten, die man genauso gut über Slack hätte versenden können. So wandelte sich das Büro allmählich von einer Zone für Routineaufgaben zu einem Raum zwischen Zuhause und Freizeit.
Dies entspricht Ray Oldenburgs Theorie vom „dritten Ort“, an den man nicht nur zum Arbeiten kommt, sondern auch um:
- zu kommunizieren;
- Ideen auszutauschen;
- sich als Teil einer Gemeinschaft zu fühlen;
- neue Bekanntschaften und berufliche Kontakte zu knüpfen.
Das St. Oberholz ist die ideale Umsetzung dieser Theorie im modernen Business-Format. Man kommt ins Büro, um die Energie anderer Menschen zu spüren, gemeinsam neue Konzepte zu entwickeln. Es ist der Magnet für jene, die ihre Freiheit schätzen, aber Austausch brauchen. Entgegen dem Klischee, man sei zu Hause isoliert und im Büro unter Aufsicht, funktioniert das St. Oberholz als Format für freie Akteure in einem Team von Gleichgesinnten.
B-Part am Gleisdreieck: Wie Architektur Stress abbaut

Besondere Erwähnung verdient das B-Part am Gleisdreieck. Es ist nicht nur ein Coworking-Space, sondern ein Manifest moderner Urbanistik. Ein riesiges Gebäude aus Holz, gelegen in einem der schönsten Parks Berlins. Das Erste, was man im Inneren spürt, ist der Geruch von Holz und die Stille, obwohl draußen das Leben tobt.
Zahlreiche Studien haben belegt, dass die Verwendung von natürlichen Materialien und biophilem Design maßgeblich zu Folgendem beiträgt:
- Senkung des Stresslevels;
- Verbesserung des Wohlbefindens und der Konzentration.
Mitarbeiter ermüden weniger schnell, können sich leichter auf Aufgaben fokussieren und bewahren länger ihre kreative Energie. Das B-Part zeigt, dass die Zukunft des Büros nicht nur aus Glas und Beton besteht, sondern auf den Prinzipien der Biophilie (Eintracht mit der Natur) basiert. Dieser Raum verwandelt gewöhnliche Arbeitsplätze in eine Erfahrung, bei der Komfort und Erholung integrale Bestandteile des Arbeitsprozesses sind. Dort zu arbeiten, wo man sich gleichzeitig regeneriert, ist das höchste Level an Produktivität.
Tipp: Wie man den „Oberholz-Geist“ ins eigene Business bringt?

Man muss dafür nicht erst das Budget für einen Coworking-Space aufbringen. Die wichtigste Lektion des St. Oberholz liegt nicht im Interieur, sondern in der Einstellung zum Raum. Um einen solchen Ansatz in das eigene Business zu integrieren, sollte man mit einfachen Prinzipien beginnen:
- Vertrauen statt Kontrolle – Bedingungen schaffen, unter denen es für die Mitarbeiter angenehm ist.
- Flexibilität bei der Arbeit – Menschen nicht zwingen, 8 Stunden lang am selben Platz zu sitzen; den Wechsel von Orten und Arbeitstempi erlauben.
- Beziehungen im Team – ungezwungene Kommunikation fördern und einen Platz für die Kaffeemaschine finden, an dem Mitarbeiter sich gerne bei einer Tasse Kaffee austauschen.
- Fokus auf das Ergebnis – tägliche Berichte abschaffen und den Schwerpunkt auf die Erledigung konkreter Aufgaben mit großzügigen Fristen legen.
Dank dieser Prinzipien wurde das St. Oberholz zu einem Symbol der modernen Kultur flexibler Arbeitswelten und beeinflusste die Entwicklung von Coworking-Spaces und neuen Arbeitsformaten weit über Berlin hinaus. Die Pioniere haben bewiesen: Kaffee und WLAN können die Welt verändern, aber nur unter einer Bedingung: Man muss ein wenig Mut und Verständnis dafür aufbringen, was die Menschen wirklich wollen. Und diese Frage lässt sich durchaus im eigenen Team klären.
Quellen:
