Jedes Jahrhundert brachte der Menschheit neue Entdeckungen und Errungenschaften, die frühere Entwicklungen in den Schatten stellten. In einer Ära von Online-Banking, Bildungs-Apps und Unterhaltungssystemen ist es schwer vorstellbar, dass einst ein so einfaches Konzept wie die pneumatische Post als bahnbrechende Innovation galt. Nachrichten und Briefe wurden in speziellen Behältern durch miteinander verbundene Rohre transportiert. Eine der ungewöhnlichsten und faszinierendsten unterirdischen Netze in der deutschen Hauptstadt war das Berliner pneumatische Postsystem. Mehr darüber lesen Sie auf berlin1.one.
Was unterscheidet die pneumatische Post von der herkömmlichen?

Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts begannen die Menschen, über eine schnellere Möglichkeit der Postzustellung nachzudenken, ohne Kurierdienste einzusetzen. Wissenschaftler kamen allmählich zu dem Schluss, dass das Versenden von Nachrichten durch Rohre eine optimale Lösung wäre – vorausgesetzt, man verwendet Rohre mit einheitlichem Durchmesser und dichtet sie hermetisch ab. Legt man einen Brief in eine Kapsel, die kleiner ist als der Rohrdurchmesser, kann diese problemlos hindurchgleiten. Die notwendige Geschwindigkeit könnte durch einen Kompressor erzeugt werden, der Luft komprimiert oder absaugt, wodurch die Kapsel durch das Rohr in die gewünschte Richtung bewegt wird.
Praktische Tests zeigten, dass mit diesem System verschiedene Arten von Gütern transportiert werden konnten: feste, flüssige, heiße oder kalte. Der Transport wurde durch spezielle Weichen und Sensoren kontrolliert, die die Kapseln bei Bedarf anhalten oder weiterleiten konnten. Sobald eine Sendung ihr Ziel erreichte, konnte die nächste verschickt werden. Solche Systeme waren im 19. Jahrhundert sehr populär, insbesondere in Banken, Geschäften und Krankenhäusern. Ihr Vorteil lag in der Flexibilität: Man konnte den Transport sowohl innerhalb eines Gebäudes als auch zwischen verschiedenen Gebäuden organisieren. Von einfachen Systemen entwickelten sich schließlich weitverzweigte Netzwerke mit mehreren Stationen. Diese Erfindung verbesserte die Arbeitsorganisation in vielen Ländern erheblich.
Wie wurde die pneumatische Post in Europa eingeführt?

Die erste pneumatische Postlinie der Welt wurde 1853 in London eröffnet, geleitet von dem bekannten englischen Erfinder Clark. Teilnehmer des Experiments waren das Haupttelegrafenamt und die Börse – eine bewusste Wahl, da an das Telegrafenamt finanzielle Berichte gesendet wurden und die Börsenangestellten aktuelle Geschäftsnachrichten benötigten. Die erste pneumatische Post bestand aus einem Wagen mit Sendungen, der auf Schienen in einem Rohr mit einem Durchmesser von einem Meter fuhr. Druckluft auf der einen Seite und Vakuum auf der anderen Seite bewegten den Wagen.
Die erste Version scheiterte, und das System wurde überarbeitet. Man begann, Sendungen in Metallzylindern zu transportieren, die enger an den Rohrwänden anlagen. Der Durchmesser wurde auf 150 Millimeter reduziert. Der erste Zylinder legte 800 Meter in einer Minute zurück. Später wurden hohle Metallkugeln verwendet, die die Strecke in nur zehn Sekunden bewältigten.
Einführung der pneumatischen Post in Berlin

Die Königliche Preußische Telegrafendirektion beobachtete die Experimente in London genau und beauftragte 1861 die Firma Siemens & Halske, ein ähnliches System für Berlin zu entwickeln. Die erste Verbindung wurde im November 1865 zwischen dem Haupttelegrafenamt (Französische Straße/Oberwallstraße) und der Börse (Neue Friedrichsstraße/Burgstraße) eingerichtet. Dieses System wurde als pneumatischer Versanddienst bekannt.
Das Projekt war so erfolgreich, dass Berlin schnell daran arbeitete, weitere Linien zu entwickeln. Die nächste Verbindung zwischen dem Haupttelegrafenamt und dem Potsdamer Tor wurde im März 1868 eröffnet. Es dauerte jedoch einige Zeit, um Probleme wie das Gewicht der Sendungen und die Schwankungen in den Rohren zu beheben. Schließlich wurde das System im Dezember 1876 der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Anfangs gab es Schwierigkeiten, da verschiedene Linien von unterschiedlichen Unternehmen betrieben wurden und Sendungen an den Stationen umgeladen werden mussten. Diese Probleme wurden jedoch allmählich standardisiert.
Der Beitrag von Heinrich von Stephan

Dieser Mann gilt als Innovator, der das pneumatische Postsystem in der deutschen Hauptstadt einführte und ihm seinen Namen gab. Von Stephan begann als einfacher Postangestellter und fiel der Leitung durch seine innovativen Ideen auf. 1866 erhielt er vom preußischen Staat den Auftrag, den Postdienst zu föderalisieren, und erledigte diese Aufgabe so erfolgreich, dass er 1870 Direktor der Postdienste des Deutschen Bundes wurde. 1876 wurde er Generalpostmeister des Deutschen Kaiserreichs, 1880 stellvertretender Staatssekretär und 1895 Minister für Postdienste. Unter seiner Leitung wurde das Berliner pneumatische Postsystem aufgebaut, Stationen eingerichtet und Arbeitsstandards für die Mitarbeiter definiert.
Der von Heinrich von Stephan gesetzte Start war so erfolgreich, dass 1877 über eine Million Briefe und Karten durch die Berliner Rohre transportiert wurden. Bis 1892 stieg diese Zahl auf fünf Millionen und 1913 auf über zwölf Millionen Sendungen. Nach Berlin wurde das System in Leipzig, München, Bremen und Hamburg eingeführt. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs verfügte Deutschland über 300 Kilometer pneumatischer Postrohre, nur knapp hinter Frankreich mit 400 Kilometern.
Entwicklung der pneumatischen Post im 20. Jahrhundert

Die Hauptnutzer der Neuerung in der Hauptstadt waren Verliebte. Ein junger Mann konnte ein Mädchen für 20 Pfennig über geänderte Pläne informieren oder sie zu einem Rendezvous einladen und schnell eine Antwort erhalten. Dringende Nachrichten kosteten 60 Pfennig, aber die Herren zahlten in der Regel für den gesamten Service. In einem bekannten Restaurant in Kreuzberg sollen sich junge Männer und Frauen über Nachbartische hinweg mittels pneumatischer Post kennengelernt haben. Moderne Forscher nennen diese Nachrichten manchmal SMS des letzten Jahrhunderts. 1927 erhielt die pneumatische Post in Berlin eine nationale Bedeutung, als Experten vorschlugen, damit Bundesministerien und -ämter zu verbinden.
Zukunft der pneumatischen Post

Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Berliner System durch Bombenangriffe stark beschädigt. Nach Reparaturen wurde die Stadt geteilt, wobei auch die unterirdischen Kommunikationswege berücksichtigt wurden. In Ost-Berlin gab es 65 Kilometer pneumatischer Leitungen, in West-Berlin 167 Kilometer. 1949 wurden alle Verbindungen zwischen den Sektoren gekappt. In den getrennten Gebieten funktionierte das System jedoch weiter. In den 1960er Jahren wurde die pneumatische Post zunehmend durch Faxgeräte ersetzt, bis der öffentliche Dienst in West-Berlin 1963 eingestellt wurde. Im Osten blieb sie bis 1976 in Betrieb, und Regierungsleitungen wurden bis in die 1980er Jahre genutzt.
Heute existieren pneumatische Postsysteme in vereinzelten Bereichen, etwa für den sicheren Transport in Bundestagseinrichtungen oder als Attraktion in Bars.
