Kurz nach Beginn des 20. Jahrhunderts begann die Berliner Elektrofirma „Allgemeine Elektricitäts Gesellschaft“ (AEG) mit der Produktion von Dampfturbinen. Für die Herstellung dieser effizienteren Alternative zu klassischen Dampfmaschinen benötigte die AEG neue Produktionsstätten. Die Dampfturbinen erfreuten sich weltweit großer Nachfrage. Mehr über den Bau und die Arbeit der AEG-Werke erfahren Sie auf berlin1.one.
Architekt Peter Behrens

Das Projekt der neuen Produktionshalle wurde Peter Behrens anvertraut, der an Kunstschulen in Hamburg, Karlsruhe und Düsseldorf studiert hatte. Behrens arbeitete als Designer und Architekt und entwarf das Corporate Design für die AEG, einschließlich Produktdesigns, Schriften und des Firmenlogos. Als Architekt erregte Behrens bereits 1901 in der Darmstädter Künstlerkolonie mit seinem Haus Behrens Aufsehen und war 1907 Mitbegründer des Deutschen Werkbundes.
1908 erhielt Peter Behrens die einzigartige Gelegenheit, die neue Turbinenhalle der AEG zu gestalten. Nie zuvor hatte ein Architekt versucht, einen eigenen Stil für Fabrikgebäude zu entwickeln. Vorher wurden industrielle Bauten im historisierenden Stil des Empire entworfen.
Die Turbinenhalle von Behrens war etwas völlig Neues. Ein Stahlrahmen trug die Konstruktion, während Glas die Fassadenflächen ausfüllte. Dies sorgte für ein helles und transparentes Erscheinungsbild. Natürliches Licht, so hieß es, steigere die Produktivität. Walter Gropius sagte dazu, es gehe darum, Arbeiter zu inspirieren, „mit größerer Freude an der Schaffung großer gemeinsamer Werte teilzunehmen“.
Als die Halle 1909 fertiggestellt wurde, galt sie als äußerst modern.
Umsetzung durch Karl Bernhard

Die Betonelemente links und rechts erinnerten an ägyptische Tempel. Obwohl sie massig wirkten, hatten sie keine tragende Funktion und dienten rein dekorativen Zwecken. Zeitgenossen erkannten den sakralen Bezug und nannten die Halle „Turbinenkathedrale“.
Die Seitenfassade der Turbinenhalle an der Berlichingenstraße war völlig anders und betonte Modernität. Sie zeigte die tragende Stahlkonstruktion und ihre Verbindungen. Der gläserne Fassadenbereich war leicht nach innen geneigt und folgte den Tragwerken. Diese Entscheidung traf der Ingenieur Karl Bernhard, der wollte, dass die echte Struktur sichtbar bleibt.
Karl Bernhard wurde jedoch stark unterschätzt. Obwohl er Behrens’ geniale Idee nicht nur umsetzte, sondern auch selbst maßgeblich an der Konstruktion beteiligt war, blieb der Ruhm hauptsächlich bei Peter Behrens. Behrens, ein bedeutender Künstler-Architekt, überschattete Bernhard ungewollt.
Neuer Stil des Industriebaues

Unabhängig davon, wer den größeren Beitrag leistete, war der Einfluss der Turbinenhalle auf die Architekturgeschichte enorm. Diese Halle markierte einen Wendepunkt, da Fabriken nicht mehr hinter pseudo-historischen Fassaden versteckt wurden, sondern ihre Funktion sichtbar machten.
Im Büro von Peter Behrens arbeiteten später Architekten wie Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe und Le Corbusier. Übrigens half Mies van der Rohe bei der Gestaltung des Seitenflügels der Turbinenhalle. In den 1930er-Jahren erweiterte die AEG ihre Produktion nördlich der Halle. Das Gebäude überstand den Zweiten Weltkrieg nahezu unbeschadet.
Seit 1977 gehört die Halle Siemens. Von der AEG blieb nur der Markenname. Siemens produziert bis heute in der Turbinenhalle Gasturbinen – eine Weiterentwicklung der Produkte von 1909. Trotz technologischer Fortschritte ist der Name „Turbinenhalle“ geblieben.
