Alicja Kwade hat sich mit ihren Skulpturen und Installationen weltweit einen Namen gemacht. Ihre Werke hinterfragen wissenschaftliche und philosophische Konzepte und sprengen die Grenzen der Wahrnehmung. Neben Skulpturen kreiert sie auch Filme, Fotografien und Arbeiten auf Papier. Durch ihre besondere künstlerische Sprache spielt Kwade mit Raum und Zeit, wagt gedankliche Sprünge in Parallelwelten und visualisiert ihre wilden Vorstellungen vom Universum. Ihre Kunst hinterfragt vertraute Systeme und bietet neue Perspektiven auf die Realität. Mehr über diese außergewöhnliche Künstlerin erfahren Sie auf berlin1.one.
Eine gebürtige Polin
Alicja Kwade wurde 1979 in Kattowitz, Polen, geboren. Ihr Vater war Kulturwissenschaftler und Galeriebesitzer. Statt klassischer Gutenachtgeschichten erzählte er ihr Gedankenexperimente wie: „Stell dir vor, das Universum ist unendlich.“ Diese Ideen beeinflussten sie nachhaltig. Bereits mit fünf Jahren entschied sie, Künstlerin zu werden, um ihre Vorstellungen in greifbare Werke zu verwandeln.
1987 zog sie mit ihrer Familie nach Westdeutschland. Sie wuchs in Hannover auf und ging mit 19 Jahren nach Berlin. Ihr Kunststudium absolvierte sie an der Universität der Künste Berlin. Ein Jahr lang studierte sie zudem am Chelsea College of Arts in London im Rahmen des Erasmus-Austauschprogramms.
Forscherin der Realität
Alicja Kwade manipuliert bei ihren Werken alltägliche Materialien wie Holz, Glas und Kupfer durch chemische Prozesse. Besonders bekannt ist sie für ihre Skulpturen, die gewöhnliche, aber symbolträchtige Objekte wie Steine, Lampen und Uhren in rätselhafte Kunstwerke verwandeln. So schleift sie Kieselsteine, bis sie wie Edelsteine wirken, oder lenkt Licht durch Glaswände, um mystische Effekte zu erzeugen.

Viele ihrer Installationen spielen mit Spiegelungen und wiederholten Objekten, die das Publikum dazu bringen, seine Wahrnehmung zu hinterfragen. Die Künstlerin untersucht Raum, Zeit und Wertsysteme, die unser Weltbild prägen.
Eine besondere Inspiration für Kwade war der berühmte Illusionist Harry Houdini. Während dieser sich mit Entfesselungskunst beschäftigte, kreiert Kwade visuelle Illusionen. Ihre Werke reflektieren gesellschaftliche Konventionen, physikalische Gesetze und die Rätsel von Zeit, Raum und Licht.
Bedeutende Werke

Andere Bedingung (2009)
Diese Werkreihe zeigt verzerrte Alltagsgegenstände, darunter Spiegel, die scheinbar geschmolzen sind – ähnlich surreal wie in „Alice im Wunderland“. Manche Kunstexperten sehen darin eine Anspielung auf Kwades eigenen Namen. Tatsächlich wurde sie in ihrem deutschen Pass als „Alice“ eingetragen, als ihre Familie von Kattowitz nach Deutschland übersiedelte.

Nissan (Parallewelt 1 + 2) (2009)
Diese Installation besteht aus zwei identischen Nissan-Micra-Fahrzeugen mit exakt denselben Rostspuren und Dellen, jedoch mit Spiegelverkehrung der Lenkräder. Damit stellt Kwade die Hypothese auf, dass es parallele Welten gibt, die unserer Realität sehr nahekommen, aber für uns unerreichbar bleiben. Durch Verdopplungen und Spiegelungen spielt sie oft mit der Idee von Raum und Zeit jenseits der menschlichen Wahrnehmung.

Light Touch of Totality (2019)
Diese Skulptur wurde 2020 erstmals im MIT List Visual Arts Center in Cambridge (USA) gezeigt. Sie besteht aus fünf Edelstahlringen, die scheinbar in der Zeit eingefroren sind. Über 1.400 Fäden mit Perlen aus Holz und Lapislazuli schaffen den Eindruck eines Vorhangs. Die Arbeit thematisiert interplanetare Verbindungen und Informationssysteme und unterstreicht Kwades Faszination für globale Zusammenhänge.
ParaPivot (2019)
Dieses Werk besteht aus miteinander verbundenen Stahlrahmen, die große Blöcke aus weißem Marmor tragen – sie erinnern an Gletscherstücke. Die massive Konstruktion aus Stein und Stahl lädt Betrachter dazu ein, die Fragilität des Universums zu erkunden, in dem einfache Formen tiefere Bedeutungen haben. Raum und Zeit erscheinen verzerrt, wenn Gestein, das vor 200 Millionen Jahren entstanden ist, scheinbar schwerelos in den Himmel ragt. Obwohl ParaPivot größtenteils aus Leere besteht, ist es mit tiefem Sinn erfüllt.

Internationaler Durchbruch
Ihr weltweiter Erfolg begann 2008, als sie den Piepenbrock Preis für Skulptur gewann. Die renommierte Auszeichnung, die alle zwei Jahre in Berlin verliehen wird, erhielt sie für ihre Arbeit Palette Kwade, in der sie verschiedene Konzepte, Techniken und Materialien kombinierte. Die Auszeichnung ermöglichte ihr eine Ausstellung im Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart.
Kwades Werke wurden bereits in bedeutenden Museen und Galerien präsentiert, darunter die Louisiana Museum of Modern Art (Dänemark), Whitechapel Gallery (London), MIT List Visual Arts Center (Cambridge, USA), Hamburger Bahnhof (Berlin), Espoo Museum of Modern Art (Finnland) und Haus Konstruktiv (Zürich).
Öffentliche Installationen
Alicja Kwade erhielt zahlreiche Aufträge für öffentliche Kunstwerke. 2019 schuf sie eine monumentale Skulptur für das Metropolitan Museum of Art in New York. Die Arbeit besteht aus riesigen Stahlkonstruktionen und Steinkugeln, die an ein Sonnensystem erinnern.
2022 präsentierte sie die Installation Au cours des mondes auf dem Place Vendôme in Paris. Natürliche Steinkugeln, die an Betontreppen befestigt sind, symbolisieren die Stellung des Menschen in der Welt. Mit dieser Arbeit reagierte Kwade auf die ökologische Krise und warnte davor, dass nicht das Universum, sondern nur unsere bekannte Welt zerstört wird. Dennoch ruft sie optimistisch dazu auf, das menschliche Potenzial für positive Veränderungen zu nutzen. Die Place Vendôme wird so zu einem Schauplatz des Paradoxons zwischen Zeitdimensionen und kosmischer Unendlichkeit.

Kwades Werke sind Teil zahlreicher öffentlicher Sammlungen, darunter das Centre Pompidou (Paris), das Hirshhorn Museum and Sculpture Garden (Washington), das Los Angeles County Museum of Art und das Museum of Modern Art Grand-Duc Jean (Luxemburg).
